Information zur Situation im japanischen KKW Fukushima


Information zur Situation im KKW Fukushima Dai-ichi nach dem Erdbeben vom 11.3.2011

Infolge des Erdbebens ist in einem KKW in Japan die Haupt- und Notstromversorgung ausgefallen. Es wurde die Bevölkerung im Umkreis von 3 km evakuiert.

Hier werden Informationen und Links zu diesem Ereignis bereitgestellt und - so gut es uns (Inst. f. Meteorologie und Inst. f. Sicherheits- und Risikowissenschaft der BOKU Wien) möglich ist - laufend aktualisiert. (letzte Aktualisierung: 12.3.2011, 02.15 Uhr)


Updates vom Sa 12.03.2011 und Folgetage hier !

 


 

Zum Erdbeben allgemein

Das Beben hat am 11.03.2011 um 05:46 UTC (06:46 MEZ, 14:46 japanische Zeit) stattgefunden.

Karten der Erschütterungsintensität beim US Geological Service

ORF Online

ORF Spezialseite zum Beben und dem KKW

Auswirkungen auf japanische KKW insgesamt

An vier Reaktorstandorten wurden insgesamt 11 Reaktorblöcke aufgrund des Erdbebens automatisch abgeschaltet. Japan hat 55 Reaktorblöcke in Betrieb.

Informationen bei der World Nuclear Association

Information bei Wikipedia (englisch)

On-line Informationen der Strahlenschutzbehörde (Disaster Prevention and Nuclear Safety Network for Nuclear Environment, Nuclear Safety Division, Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology, Disaster Prevention Network for Nuclear Environments):

  • Ortsdosisleistung der Meßstellen bei den japanischen AKWs

    • Derzeit wird für alle Messstellen im Norden der Hauptinsel die Kategorie "under survey" angezeigt, und es werden keine Messwerte dargestellt. Dagegen sind für die Kategorie "normal" die Meßwerte vorhanden. Es ist nicht klar, ob dies auf Störungen des Messnetzes durch die Erdbebenfolgen zurückzuführen ist.
    • Beim Klick auf eines der Stationssymbole gelangt man in eine Tabelle mit allen Messstellen der Region sowie Ortsdosisleistung, Wind und Niederschlagsdaten. Allerdings sind wie gesagt die meisten Werte nicht verfügbar.
    • Auf der japanischen Version der Seite werden auch Google-Map-Karten mit den Standorten der Messstellen angezeigt, zB Infos für Fukushima. Die grünen Punkte sind die KKW-Standorte Fukushima Daiichi und Daini. Wenn man mit der Maus darauf zeigt, wird ein Kreis mit 10 km Radius eingeblendet.

Nuklearsicherheitsabteilung des japanischen Wissenschaftsministeriums
Enthält detallierte Informationen zur Organisation des nuklearen Katastrophenschutzes in Japan in Englisch.

Situation im KKW Fukushima-Daiichi

In der Region Fukushima befinden sich zwei KKW-Standorte

  1. Fukushima-Dai-ichi (auch Fukushima I genannt) (Wikipedia englisch, Wikipedia deutsch)
  2. Fukushima-Dai-ni (auch Fukushima II genannt, ca. 12 km südlich von Dai-ichi) (Wikipedia english, Wikipedia deutsch)

In Fukushima I befinden sich 6 Siedewasser-Reaktorblöcke. Drei davon waren zum Zeitpunkt des Bebens wegen Servicearbeiten nicht in Betrieb. Die anderen drei (Blöcke 1-3, die ältesten der Anlage, in Betrieb genommen 1970 bis 1976) haben sich automatisch abgeschaltet. Block 1 hat 460 MW el. Leistung, Blöcke 2 und 3 je 784 MW.

Durch das Erdbeben wurde die externe Stromversorgung abgeschnitten. Die für solche Fälle vorgesehenen Notstrom-Dieselaggregate sprangen zwar wie vorgesehen an, wurden aber funktionsunfähig als nach 1 h der Tsunami den direkt am Strand gelegenen KKW-Komplex erreichte. Die für die Abfuhr der Nachzerfallswärme erforderliche Kühlung scheint durch die Energie des heissen Dampfs angetrieben zu werden, wobei aber zur Steuerung Energie aus Batterien gebraucht wird. Es ist unklar, wie lange die Batterien noch halten. Ausserdem kann auf diese Weise, ohne aktive Abfuhr der Wärme aus dem Kondensator, in dem der Heissdampf in Wasser niedergeschlagen wird, vermutlich nicht dauerhaft die Nachzerfallswärme abgeführt werden.

Im Block 1, möglicherweise auch im Block 2, ist es zusätzlich zu einem Leck im Kühlmittelkreislauf gekommen. Dies hat zu einem Anstieg des Drucks im Containment geführt. Nach Medienberichten ist es geplant, eine Druckentlastung durch Ablassen von Containmentatmosphäre in die Umwelt durchzuführen. Dies führt zu einer Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt, was aber offenbar als kleineres Übel im Vergleich zu einer Beschädigung des Containments bei weiter steigenden Druck betrachtet wird. Medienberichte sagen auch, dass die US Airforce "Kühlmittel" (möglicherweise boriertes Wasser, um bei einer Kernschmelze das Risko für eine Kritikalität herabzusetzen) herantransportiere. Das könnte bedeuten, dass die Wasserversorgung für die Kühlung beeinträchtigt ist, vermutlich als Auswirkung des Tsunami. 

Die Betreiberfirma Tepco hat verschiedene Bulletins über die Lage herausgegeben. Das Bulletin http://www.tepco.co.jp/en/press/corp-com/release/11031103-e.html zur Lage in Dai-ishi besagt unter anderem:

  • Die Notstromdiesel versagten um 15:41 Uhr, also ca. nach 1 Stunde, weshalb nach Artikel 10 (1) des Notfallplanes die Bürgermeister der Orte Okuma und Futaba, die Präfektur Fukushima und das Wirtschaftsministerium alarmiert wurden.
  • Um 16:26 Uhr wurde der Notfall nach Artikel 15 (1) ausgerufen, da der Erfolg der Notkühlung nicht festgestellt werden konnte.
  • Dieser Notfall wurde vorübergehend aufgehoben, aber ab 17:07 für Block 1 wieder ausgerufen.

Das Bulletin http://www.tepco.co.jp/en/press/corp-com/release/11031203-e.html vom 12.03.2011 00 Uhr japanische Zeit (11.3. 16 Uhr MEZ) besagt:

  • In Block 1 wird ein Absinken des Wasserstands im Reaktorkern und die Freisetzung von radioaktivem Material befürchtet. MAngels Stromversorgung kann der Wasserstand nicht überwacht werden.
  • In Block 2 kann zwar mit einer Notstromeinrichtung der Wasserstand überwacht werden, und er ist stabil. Dennoch wird auch hier die Möglichkeit eines Absinkens und einer Freisetzung befürchtet.
  • Aufgrund der Situation in Block 1 und Block 2 wurde die Evakuierung der Bevölkerung im Umkreis von 3 km angeordnet. (Nach Medienberichten betrifft dies 2800 Personen.) Die Bevölkerung im Umkreis zwischen 3 und 10 km wurde angewiesen, sich im Haus aufzuhalten und auf eine eventuelle Evakuierung vorzubereiten.
  • Block 3 wird vom Notkühlsystem versorgt und verursacht derzeit offenbar keine besondere Besorgnis.

Im Bulletin vom 12.03.2011 04 Uhr (11.3. 20 Uhr MEZ) wird mitgeteilt,

  • dass eine Druckentlastung durch Ablassen von Containmentatmosphäre in die Umwelt beabsichtigt ist. Dies führt, auch wenn die Entlastung über eine Filterstrecke erfolgt, zu einer Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt, was aber offenbar als kleineres Übel im Vergleich zu einer Beschädigung des Containments bei weiter steigenden Druck betrachtet wird.

Die japanische Nachrichtenagentur Kyudo meldet: Der Strahlenpegel im Kontrollraum von Block 1 liege 1000-fach über dem Normalwert,wie die Nuclear and Industrial Safety Agency meldet. Diese könnte auf den Austritt von radioaktivem Dampf hinweisen. (Orginalmeldung, lädt langsam)

Nach Medienberichten ist der Strahlenpegel in der Umgebung "8-fach über dem Normalwert", und die Evakuierungszone wurde auf 10 km Umkreis erweitert. Dies wurde von TEPCO am 12.03. 07 Uhr (11.03. 23 Uhr) bestätigt. BBC meldet am 11.03. um 23.38 UTC, dass die Evakuierung ca. 45.000 Personen betrifft. Weiters heißt es, dass beim Venting des Containments die Windrichtung beachtet werde.

Die japanische Nachrichtenagentur Kyudo meldet am 12.03. 08 Uhr (12.03. 00 MEZ): Die Betreiberfirma TEPCO wurde mittlerweile von der Aufsichtsbehörde angewiesen, die Entlastungsventile des Containments zu öffnen (lt. Medienberichten war der Druck auf mehr als das 2-fache des Auslegungswerts angestiegen).


Auf der Website des AKW gibt es einen Bereich mit Online-Messdaten (japanische Seite | Übersetzt mit Google translate). Allerdings scheint es derzeit keine Daten zu geben (aber einige Schemazeichnungen eines SWR).

 

Wetterlage im Hinblick auf Verfrachtung von Radioaktivität in der Luft

Wie aus den Vorhersagen des US-Wetterdienstes auf der Seite www.wetterzentrale.de für Ostasien ersichtlich (in der Navigation "10 m Wind" auswählen), wäre bei einer Freisetzung von Radioaktivität zumindest in der ersten Tageshälfte Samstag (MEZ) ein Überstreichen der japanischen Hauptinsel wahrscheinlich. 

Lage im KKW Fukushima Dai-ni

Infolge des Erdbebens kam es in Reaktorblock 1 in Fukushima Dai-ni zu einem Zwischenfall. Es wird angenommen, dass ein Leck im Kühlkreislauf zu einem Druckanstieg im Reaktordruckbehälter geführt hat. Der Anstieg des Drucks wurde bestätigt, der Grund konnte jedoch noch nicht eindeutig identifiziert werden.

Alle vier Blöcke (in den 1980er Jahren gebaute Siedewasser-Reaktoren mit je 1100 MW el. Leistung) in Fukushima Daini wurden extern mit Strom versorgt werden, es gab also keine Unterbrechung der externen Stromversorgung.

Wie um 21:00 jap. Zeit gemeldet wurde,kam es zu einem Feuer in einem Hilfsgebäude, das um 16:07 jap. Zeit gelöscht war.

Die japanische Nachrichtenagentur Kyudo meldet am 12.03. 08 Uhr (12.03. 00 MEZ), dass in Fukushima No. 2 (das dürfte sich auf Dai-ni beziehen) in drei der Reaktoren das Kühlsystem ausgefallen ist und der Notfall ausgerufen wurde.

TEPCO meldet am 12.03. 07 Uhr (11.03. 23 Uhr), dass die Evakuierung des 10 km Umkreises auch für Dai-ni angeordnet wurde.

In drei gleichlautenden Meldungen (z.B. http://www.tepco.co.jp/en/press/corp-com/release/11031214-e.html) gibt TEPCO am 12.03. bekannt, dass in den Blöcken 1, 2 und 4 der Notfallplan nach Art. 15 (1) ausgelöst wurde, nachdem die Temperatur in der Kondensationskammer, in der der aus dem Reaktorkern kommende Heißdampf niedergeschlagen wird, auf über 100 Grad angestiegen ist und dadurch die Kontrolle über den Druck im Reaktor verloren gegangen ist.